Liebe Freunde,

Als ich ein Jugendlicher war, habe ich immer wieder heimlich gehofft, dass irgendwann die große gesellschaftliche Krise kommt, die die Herzen der Menschen aufbricht, so dass wir nicht länger wegschauen können von dem Schmerz den wir einander und unserer Heimat, dieser wunderschönen Erde, zufügen, und von der Trauer, die das in uns auslöst. Jetzt ist diese Krise da und ein Teil von mir denkt sich, „musste es so fies kommen?“. Ein anderer Teil ist aber immens dankbar, dass ich und meine Familie davon bewahrt sind, eine größere Katastrophe, wie z.B. Krieg oder Hungersnot, zu erleben. Dankbar, auch weil ich weiß, dass diese Sicherheit nicht selbstverständlich ist. Meine und viele unserer Großeltern sind Kriegskinder. Der Vater von meinem Mann, Winni, war zwischen seinem 8. Und 20. Lebensjahre Flüchtling. Ein Teil meiner Vorfahren waren Quahilla, ein indigener Stamm der Jahrtausende lang im heutigen Texas gelebt hat. Dieser Stamm und ihre Kultur wurden fast vollständig ausgerottet. Ein Teil von mir möchte glauben, dass solche Grausamkeiten zur Vergangenheit gehören, doch leider ist das alles andere als korrekt. Noch nie wurden so viele Kriege geführt wie jetzt, und laut der UNHCR (Flüchtlings-Komitee der UN), waren in 2019 79,5 Millionen Menschen wegen Konflikten, Verfolgung und Menschenrechts-verletzungen weltweit auf der Flucht. Vor Corona war es so, dass alle 10 Sekunden ein Kind an Hunger gestorben sind. Es wird aber befürchtet, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie das Potenzial haben, „die Zahl der Menschen, die von akuten Ernährungskrisen betroffen sind, zu verdoppeln.“ [i]

Auf kollektiver Ebene gesprochen, können wir den Kurs den wir als Menschheit eingeschlagen haben nur weiterverfolgen, wenn wir unsere Herzen weiterhin verschließen. Und genau das verlangt auch diese Welt von uns. Denn nur so kann die Geschichte der Separation fortgeführt werden, auf dem unsere gesellschaftlichen Strukturen momentan aufbauen. Dieter Duhm, Mitbegründer der Tamera Gemeinschaft, schreibt ‘‘Die unfassliche Gewalt, mit der heute weltweit gegen Menschen und Tiere vorgegangen wird, ist die Aktion verschlossener Herzen. Sie ist auch die Aktion von Banken, Logen und Konzernen, aber deren Pläne können nur durchgeführt werden von einer Gesellschaft, die an kollektivem Herzverschluss leidet.‘‘

Doch egal wie sehr wir, sei es bewusst oder unbewusst, versuchen wegzuschauen von dem Schmerz auf dieser Erde, bleiben wir nicht unberührt davon. Denn auch, wenn die verbindenden Fäden sehr dünn geworden sind, sind wir dennoch alle nach wie vor miteinander verbunden. Wir sind alle Teil einer großen Erdfamilie, und der Schmerz der einem von uns zugefügt wird, wird durch das feinstoffliche Feld unseres gemeinsamen Bewusstseins von allen anderen wahrgenommen.

In vielen verschiedenen Lehrern über den Energiekörper, werden die Lungen als Ort bezeichnet, in dem wir im Körper Trauer speichern. In unmittelbarerer Nähe der Lungen sitzt auch das Herz. Ich halte es für keinen Zufall, dass das Virus das gerade global die Schlagzeilen bestimmt, die Lungen angreift. Wie kommt es, dass unsere Lungen, auf kollektiver Ebene gesprochen, so schwach und verletzlich sind? Könnte es sein, dass die Verletzlichkeit unserer Lungen durch Corona, ein Symptom unseres kollektiven Herzensbruchs ist? Könnte es sein, dass wir alle in tiefer Trauer sind? Die Quelle dieser Trauer ist die Liebe zum Leben, die jedem Wesen innewohnt. Wir trauern über den Verlust der Artenvielfalt und über die Schmerzen die wir den Tieren zufügen, weil wir die Tiere lieben und tief in unserem innersten wissen, dass sie unsere Verbündeten sind. Wir trauern über verwüstete Landschaften und gerodete Wälder, nicht wegen den Auswirkungen auf das C02 in der Atmosphäre, aber weil die Natur uns einst heilig war, und wir das Bewusstsein für ihre Heiligkeit noch nicht ganz verloren haben. Wir trauern über der Verlust von Tiefe, Nähe und Vertrauen in unseren Beziehungen in einer Zeit wo zwischenmenschliche Begegnungen immer mehr in eine digitale Welt verlagert werden und wir trauern, ja sogar über den Verlust unserer eigenen Menschlichkeit.

Ich persönlich finde nicht, dass die Antwort zu der momentanen Krise in der perfekten Impfung oder der Ausdehnung des Überwachungsapparats des Staates zu finden ist. Auch wenn, im Besten fall, solche Herangehensweisen kurzfristig „Erfolg“ zu haben scheinen, können sie nie mehr als eine Symptom Bekämpfung sein. Denn die wahre Ursache der Krise wird damit nicht geheilt – sie wird meines Erachtens mit solchen Mitteln sogar verstärkt. Um unsere Menschensfamilie zu heilen, müssen wir uns unseren gebrochenen Herzen zuwenden. Heilung bedeutet, eine Rückkehr zur Liebe. Um unsere Herzen zu heilen, müssen wir die Liebe heilen und die Liebe zu heilen bedeutet uns von der Angst und der Separation zu heilen.

Um den Planeten zu heilen, müssen wir die Liebe heilen.

In den Worten von Sabine Lichtenfels, Autorin, Friedensforscherin und Leiterin der globalen Liebesschule: „Es kann keinen Frieden auf der Erde geben, solange in der Liebe Krieg ist… Die globale Epidemie der Gewalt, die heute unseren Planeten verwüstet, ist die Folge einer Kultur, die die Liebe unmöglich gemacht hat. Die Heilung der Liebe ist keine Privatangelegenheit, sondern eine öffentliche Frage von höchster Dringlichkeit. Wir brauchen ein neues Konzept für die Liebe, wenn wir auf dieser Erde überleben wollen.”

Wir stehen gerade vor dem Versagen eines alten Systems. Im Angesicht dieses Versagens, und der Zerstörung, die diese Geschichte der Separation angerichtet hat, ist die bekannte Reaktion, entweder Alarm zu schlagen oder in Schockstarre oder Depression zu verfallen. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese Antworten uns bisher nicht weitergebracht haben. Wie wäre es, wenn wir etwas komplett anderes ausprobieren? Wir könnten uns selbst und unsere Gesellschaft zu einer Liebesbeziehung mit dem Leben einladen. 

Wendell Berry, ein US-amerikanischer Umweltaktivist, Kulturkritiker und Landwirt, fragte einst “What is a human being for?” (Wofür ist ein Mensch?).  Ich denke, dass es mehrere Antworten auf diese Frage gibt, aber eine, die ich mit meiner großen Inspirationsfigur Charles Eisentstein teile ist, dass wir hier sind um das Leben zu lieben und aus dieser Liebe heraus dem Leben zu dienen. „We are not nature’s big mistake, as some… quite understandably think upon surveying the magnitude of human destruction. Like all species, we were created with gifts necessary for the health and development of the whole. Civilization has not lived up to that sacred duty, but certain indigenous cultures show us its possibility… Our best action isn’t just to leave nature alone and abandon this Earth. It is to participate actively in the thriving of life; to protect life, yes, and also to regenerate life and join its next unfolding. Love of life is the guide and motivator of ecological healing on Earth. Next comes learning how to put that love into action.“ (Auszug aus Charles Eisensteins Artikel „The Cure of the Earth“)

Die Antwort auf die globale Krise können wir in einer Rückkehr zur Liebe finden und in dem Leben dieser Liebe. Somit finde ich Fragen wie „Was ist wahre Liebe?“ und „Wie kann ich Liebe leben?“, Schlüsselfragen für unsere Zeit, auf individueller und kollektiver Ebene gesprochen.

 

Zum Schluss möchte ich noch ein Bild mit Euch teilen.

Vor einigen Wochen hatte ich in einer Meditation eine besondere Vision. Es begann mit dem Bild von einem dicken, undurchsichtigen Nebel, der sich über die komplette Erde legte. Der Nebel erschien zuerst so dicht und undurchdringlich wie Zement. In der Vision war es für mich klar, dass ich den Nebel der Angst und Separation gerade erblickte, der zurzeit noch über der Menschheit liegt. Doch da geschah ein Wunder. Zarte und dann immer kräftigere Lichtstrahlen durchdrangen den Nebel und strebten ins Unendliche nach oben. Ich sah wie immer mehr solcher Lichtsäulen den Nebel durchbrachen, und auch dort wo ich in einer kleinen Gruppe von Meditierenden saß, formte sich so eine Lichtsäule. Und dann verstand ich: egal wie undurchdringlich und wie fest das vorherrschende System mit seiner Nebel aus Angst, Verwirrung und Hass erscheinen möchte, unsere menschliche Sehnsucht nach Licht, Liebe und Freiheit wird immer größer sein! Und wie die Wildblumen in der Stadt, ist unsere Kraft stärker als der stärkste Zement. Es möge noch etwas dauern, aber nach und nach werden wir alle durch den Asphalt dringen und ihn auflösen, denn der Kraft in uns ist die Kraft des Lebens und unsere Liebe dazu. Und um die Lebensgemeinschaft Tamera nochmal zu zitieren: „Wenn das Leben siegt, wird es keine Verlierer geben“.

 

[i] https://www.dw.com/de/corona-versch%C3%A4rft-den-hunger-in-der-welt/a-55216736